Ich musste nie Hunger leiden – im Gegenteil, bei uns in der Konditorei gab es immer irgendwelche süße und leckere Waren. Die konnte man zwar nicht mehr kaufen, aber mein Vater war ein Meister im Tauschhandel – Holz gegen Puddingpulver, Mehl gegen Hund, Auto (ein dunkelgrüner BMW X1 Cabrio mit doppeltem Boden zum Schmuggeln) gegen Zigaretten. Herr Geist war ein guter Freund meines Vaters, ein Schwarzmarkt-Kolonialwarenhändler, der mit einem Lastwagen mit Aufschrift „Der Große Geist“ herumfuhr. Bei einer Kontrolle musste ihm mein Vater aus seinen Beständen bei Nacht und Nebel mit Ware aushelfen, aber es reichte nicht, er ging in Konkurs – und fuhr gutgelaunt weiter Lieferungen mit einem kleinen Lieferwagen aus. Aufschrift: „Der kleine Geist“. Als 1948 die Deutsche Mark eingeführt wurde, war ich 6 Jahre alt. Ich erinnere mich, daß die DM großen Optimismus auslöste.
Meine Vorschulzeit war geprägt von Spielkameraden in der Nachbarschaft, wir spielten Räuber und Schandi oder bauten uns im Winter Sprungschanzen. Die Abende gehörten Tante Elise, die mit mir Hörbücher am Radio hörte – manchmal noch mit Stromausfall – und mir von ihren vielen Reisen in Europa und Nordamerika erzählte, dazu auch einmal englischsprachige Reime zitierte oder Mother Goose vorlas, ein englisches Kinderbuch. Dazu gab es ab und zu ein Care-Paket aus den USA mit Süßigkeiten voller chemischer Aromen. Meine Eltern sah ich nicht so viel, sie waren am Wirtschaftswunder beteiligt. Opa begann zu malen und hatte sich einen kleinen Garten zugelegt – ich sehe noch die mit Hilfe eines Fadens kerzengerade ausgerichteten Setzlinge und Kapuziner.