Mein Lehrer Eugen Steimle

Ich erinnere mich an viele gute Lehrer in meiner Schulzeit. Unter ihnen ragt Herr Steimle hervor.

Lehrer in einem Internat sind ja nicht nur die Lehrer der Schulstunden, sondern auch die Aufsichtspersonen, die Autoritäten, die über das Einhalten der Ordnung wachen, aber auch der Elternersatz fern vom Elternhaus. Herr Steinmle war ein großbewachsener, Autorität ausstrahlender Mann. Bei uns hieß er „der Barass“ (für die Jüngeren: Spitzname für den Militärdienst) – das hatte mit seinem durchaus strammen Auftritt und seiner kräftigen Stimme zu tun, die offenbar gewohnt war, Anordnungen zu erteilen. Aber seine Anordnungen waren sinnvoll und seine Haltung freundlich.

Ich kam gleich bei meiner Ankunft in Wilhelmsdorf zu ihm, denn er hatte die Aufgabe übernommen, mit mir in meinem ersten Schuljahr dort, der Obertertia, im Privatunterricht 3 Jahre Französisch-Unterricht nachzuholen – das war nämlich in „Französisch-Württembergischen“ Wilhelmsdorf die erste Fremdsprache, während ich aus dem „amerikanisch-bayerischen Bad Reichenhall“ mit Englisch als erster Fremdsprache kam.
Das verlief alles recht glatt – ein guter Lehrer mit viel Autorität und ein halbwegs fleißiger Schüler.

Später hatte ich Herrn Steimle auch in Deutsch, vor allem aber in Geschichte, und was er uns da erzählte, und wie, das hat sich mir auf immer eingeprägt. Er hat es verstanden, uns – oder jedenfalls mir – die großen Linien der europäischen Geschichte zu vermitteln – das Wirken immer neuer Kräfte und Ideen, die immer wieder Sieger und Verlierer hervorbrachten. Aus all den vielen Persönlichkeiten, Schlachten, Verträge und Schicksalsereignisse entstand in meinem Kopf ein erster Webteppich der Menschheitsentwicklung, jedenfalls im Mittelmeer/atlantischen Raum (der erst viel später um die Geschehnisse im asiatischen Raum ergänzt wurde, Asien kam damals bei uns nicht vor). Herrn Steimles Geschichtsunterricht war für mich der Höhepunkt im Schulalltag, und ich möchte ihm dafür danken und ihn dafür auch in mein Pantheon erheben.

Umso mehr, als wir erst später erfuhren, daß sein Lebenslauf gebrochen war. Damit war er ja in guter Gesellschaft, die allermeisten unserer Väter waren im Krieg gewesen und hatten Dinge erlebt, die sie für ihr Leben traumatisierten, was die Ehefrauen und wir Kinder auch oft genug durch Verhaltensmuster zu spüren bekamen, die die Zeit geheilt hat. Das Wunderbare an Herrn Steimle ist für mich, daß er trotz oder vielleicht gerade wegen seiner tiefen Verstrickung in die NS-Zeit ein hervorragender Lehrer und eine vorbildliche Persönlichkeit war. Wir waren ja ein humanistisches, streng kirchlich eingebundenes Internat. Ich verbinde mit Herrn Steimle Geschichtsunterricht keinerlei Erinnerungen an irgendwelche „braune“ Geschichtsdeutungen, sondern im Gegenteil an weltoffene, humanistische Traditionen. So wandelbar ist der Mensch.

Einer seiner drei Kinder, Sohn Bernhard „Bex“ Steimle war mein Klassenkamerad und ich habe ihm diesen Text gezeigt. Er hat mir bestätigt, daß sein Vater auch zuhause ein guter Erzieher war.

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Eugen Steimle c.v.