Als ich Herrn Dr Steinbach als 24jähriger Patient kennenlernte, war er ein etwa 65jähriger Internist in einer Praxis in der Nähe meiner damaligen Bude in der Basler Straße in Freiburg. Er hat mich dann als Arzt durch mein Studium begleitet und war mir auch in den ersten Berufsjahren als väterlicher Freund verbunden, dann riß der Kontakt leider ab.
Er war groß gewachsen und trat freundlich, aber Achtung gebietend auf. Obwohl er eine kleine Praxis mit nur einer Hilfe betrieb – Ruth wurde später die Ehefrau des Witwers – war ihm anzumerken, daß er viele Jahre lang – von 1931 – 1940 ? – der Chefarzt der Glotterklinik war, die später durch das Fernsehen als „Schwarzwaldklinik“ bekannt wurde.
Er war der beste Arzt meines Lebens und hat dafür die Standards bei mir gesetzt:
1. gründliche Familienanamnese
2. gründliche Auskultation, Palpitation, Blutdruckbestimmung, Haut- und Ganganalyse
3. das „kleine Labor“ in der Praxis, für das eine Sprechstundenhilfe ausreichte, genügte zur Bestimmung akuter Stoffwechselerkrankungen
4. waren weitere Untersuchungen erforderlich iw Röntgenaufnahmen oder großes klinisches Labor, war in der Universitätsstadt Freiburg schnell externe Hilfe geschaffen. In meinem Fall stand im Laufe der Jahre auch eine befreundete Psychotherapeutin zur Verfügung (Frau Geinitz, Freudianerin)
Um in sein Sprechzimmer zu gelangen, brauchte man Zeit. Es gab zwar Termine, aber es ging immer der Reihe nach, denn auch selbst genoß man den Vorteil, in der gebotenen Ausführlichkeit über alle Symptome einer Erkrankung zu berichten und dazu in ein freundliches Kreuzverhör genommen zu werden, bis eine Diagnose feststand.
Bei mir war das eine „vegetative Dystonie“ mit dem Erfolgsorgan Herz, also Angstzuständen bis hin zu Herzrasen und Vernichtungsgefühl – Anfang 1965 durch einen partiellen Herzblock auf einer Autobahnfahrt zu meinem Vater erstmals manifest und später mittels Psychotherapie als „psychosomatischer Krankheitsgewinn mit Wiederholungszwang“ herausgearbeitet. Dr Steinbach behandelte mich erfolgreich mit „Terrainkuren“ im schönen Umland von Freiburg (2 x 2 Stunden pro Tag, hier ließ wohl die Schwarzwaldklinik grü0en), aber in der Hosentasche gab es als Talisman auch noch Korrodin und sogar Valium, später Omca, wenn die Angstzustände auf freier Strecke überhand nahmen.
Ich höre Herrn Dr Steinbachs freundschaftliche, aber auch sehr männlichen Ratschläge bis heute, wenn er von einem Kriegsamulett mit der Inschrift „Wehr dich, du Lump“ berichtete (er war Teilnehmer im 1. Weltkrieg) oder von dem Wiederentdecker der Schwedentropfen, Klaus Samst, der als über 100jähriger starb, indem er vom Pferd stürzte. Er war ein wunderbarer Gegenpol zu meiner zwar liebevollen, aber überängstlichen und hypochondrischen Mutter, und ein intellektuelleres Rollenmodell als mein Vater. Ich glaube in Erinnerung zu haben, daß sein Sohn im 2. Weltkrieg verstorben war – vielleicht betrachtete auch er in gewisser Weise mich als Sohnesersatz.
Er gehört unbedingt in meinen Olymp – als Arzt und als väterlicher Freund. Leider habe ich kein Foto von ihm gefunden, dafür aber viele kurze Schreiben, die seine Lebensart ausgezeichnet wiedergeben. Er ging mit etwa 85 Jahren in Pension. Seine Schreiben brechen 1991 ab – ich hoffe, er ist bei guter Gesundheit sehr alt geworden und hat noch lange Russisch gelernt und an mathematischen Aufgaben geknobelt.














